Orgeln in der Enkheimer Laurentiuskirche

Frühjahr 1806: Die erste Orgel
Sie erklang am ersten Sonntag in der Fastenzeit 1806
(Invocavit, 23.02.1806)

"In Bergen war bereits 1695 eine Orgel in der neuen Kirche aufgestellt worden. Nun wollten auch die Enkheimer eine zur Verschönerung des Gottesdienstes in der Pfarrkirche haben. Sie sammelten unter sich allmählich 600 Gulden.

Als nun 1805 in der Leonhardskirche in Frankfurt die alte Orgel abgebrochen wurde, kauften sie sie am 5. Februar 1805 für 200 Gulden und verpflichteten den Offenbacher Orgelbauer Stier, sie für 100 Gulden herzurichten und aufzustellen. Die restlichen Gulden sollten zum Bau einer Orgeltribüne dienen.

Pfarrer Hermann (aus Bergen, Anm. BB) lehnte die Aufstellung ab und berichtete in einer Beschwerdeschrift, in der Enkheimer Kirche sei nicht genügend Platz für eine Orgel vorhanden. Nach langem Hin und Her wurde der Amtmann Usener in Bergen beauftragt, den Fall zu untersuchen. Der Amtmann war damals nicht nur Richter, sondern auch höchster Verwaltungsbeamter seines Bereichs. Er erkannte bald die Quertreibereien und befahl kurzerhand die Aufstellung der Orgel. Hermann versuchte zwar, die Arbeiten hinauszuziehen; so verweigerte er den Handwerkern den Kirchenschlüssel, forderte eine größere Orgeltribüne, offenbar, um Geldschwierigkeiten hervorzurufen. Es scheiterte alles an der Entschiedenheit des Amtmanns, der erste Entwurf wurde durchgeführt.

Allerdings konnte die Orgel nicht auf St. Laurentiustag 1805 (den 10. August, Anm. BB) zuerst gespielt werden, sondern auf den ersten Sonntag in der Fastenzeit 1806. Der Pfarrer hatte nämlich einen neuen Streit darüber entfacht, ob der Berger oder Enkheimer Schullehrer die Orgel spielen sollte. (...)

Als bei dem Orgelstreit die wahre Sachlage bekannt wurde, sammelten die Berger Reformierten in wenigen Tagen 400 Gulden und steuerten sie den Enkheimern zu ihrer Orgel bei, wollten auch noch mehr geben, wenn’s fehle."

(Quelle: Festschrift zur Wiedereröffnung der renovierten Laurentiuskirche in Enkheim am Pfingstsonntag, 18. Mai 1975, S. 11-13,
nach: Dr. Heinrich Bingemer: "Aus der Geschichte des Kirchspiels Bergen", in: "Aus der Heimat" (1934, Nr. 2), Artikel zum 250-jährigen Bestehens der Berger Kirche.
Kürzungen und geringfügige Änderungen nicht gekennzeichnet, ohne Namensnennung,)

1911: Die zweite Orgel
Im Jahre 1911, als Enkheim noch Filialgemeinde von Bergen war (im gleichen Jahr erfolgte die Trennung in zwei Pfarreien), erbaute die renommierte Orgelfirma Ratzmann aus Gelnhausen ein Orgel mit 16 Registern auf der Empore im Altarraum.

ältestes bislang bekanntes Bild:
Orgelprospekt noch "gekrönt"; kein elektrisches Licht, keine Heldengedenktafeln rechts und links der Orgel; Kanonenofen als Heizung; mittleres Fenster unten offen
Altarraum der Laurentiuskirche bis 1975
Photos: Alexander Rabenau

1975: Kirchenumbau und dritte Orgel
Der radikale Umbau der Laurentiuskirche im Jahr 1974/75 erfolgte überwiegend aus Gesichtspunkten eines vielseitig nutzbaren Raumes. Die Orgel, die wie noch heute in Bergen auf einer Empore über dem Altar stand, mußte ihren Standort räumen und kam an einen Platz, wo sie am wenigsten störte. Dabei wurde die Westempore erneuert und in der Mitte Richtung Altar verlängert, um auch die Möglichkeit zu haben, von dort zu musizieren.

Leider waren die Ergebnisse dieser baulichen Veränderungen musikalisch unbefriedigend und z.T. entgegen der gutgemeinten Absicht praktisch nicht zu gebrauchen.

Zwar gab es auf dem Südteil der Empore neben der Orgel Stufen mit Stühlen, auf denen der Chor seinen Platz finden soll. Allerdings konne man in dieser Position nie mit der Orgel singen, da sie in den Reihen, die hinter dem Prospekt liegen, nicht mehr genügend zu hören ist. Vor der Orgel hingegen fanden 30 SängerInnen gerade eben Platz, allerdings keine weiteren Instrumente.

Die BOSCH-Orgel hatte 7 Register (also 30%) mehr Register haben als ihre Vorgängerin. Die Vorfreude auf diesen Zuwachs scheint die weiteren Überlegungen geprägt zu haben.

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Das Hauptproblem war von Anfang an, daß der Architekt (Schreiben Orgelpfleger Voge vom 10.10.1974) eine Grundfläche von nur 2,10m x 4,00m vorsah. Die zum Angebot aufgeforderte Orgelbaufirma Walcker warnte am 29.11.1974, es sei bei einer Höhe von nur 4,50m „…nahezu ausgeschlossen, eine so große Orgel auf diesem geringen Platz unterzubringen. Das würde nur eine außerordentliche Verschachtelung der Orgel mit sich bringen, die man eigentlich ablehnen muß.“

Leider haben sich diese Vorbehalte als richtig erwiesen. Die Pfeifen waren auf engstem Raum auf den Windladen aufgestellt, das Positivwerk saß sehr tief, so daß die Pfeifen auf Ohrhöhe des Organisten bzw. des Chores lagen. Die Klangkrone des Positivs war wegen der unerträglichen Lautstärke für den Spieler nicht zu benutzen. Auch leisere Registrierungen auf dem Positiv verdeckten klanglich das andere Werk. Spielte man z.B. mit der einen Hand eine Melodie auf dem Hauptwerk und begleitete mit der anderen Hand auf dem Positiv, so waren die Melodietöne für den Spieler nicht hörbar, man mußte also „blind“ spielen.

Insgesamt hatte die Orgel keinen Platz, ihren Klang zu entfalten, denn nach oben fehltee Raum und zum Kirchenschiff hin schirmte die lange Empore den Klang ab. Deswegen hörte man das Instrument nur sehr indirekt, wenn man nicht gerade in der ersten Reihe oder im Chorraum saß.

Die Orgel wurde im übrigen nie ganz fertig. Das Gehäuse war bis zu ihrem Abbau nur grundiert (Rechnung Fa. Bosch vom 24.03.1975) und harrte noch immer seiner schon im Abnahmegutachten (Dr. Balz am 17.10.1975) angemahnten farblichen Fassung. Der Treppenaufgang hinter der Orgel zum Dachboden war gegen einfallenden Dreck nicht abgeschlossen.

Darüber hinaus wurden beim Bau der Orgel, wie in der damaligen Zeit üblich, „moderne“ und damit billige Materialien verwendet. Heute muß man feststellen, daß die Haltbarkeit und Betriebssicherheit von Schaumstoff und anderen Kunststoffen wesentlich schlechter ist als die traditionellen Materialien Filz, Leder und Holz.

Bauliche und Materialprobleme sind die Ursache dafür, daß zum Erhalt und sinnvoller Nutzung des Instruments derart umfangreiche Renovierungen und Umbauten nötig wären, daß der Betrag in keinem verantwortbaren Verhältnis zum Wert des Instruments stünde.

Nach langen Diskussionen hat sich der Kirchenvorstand entschlossen, im Rahmen der Renovierung und Umgestaltung der Enkheimer Laurentiuskirche als zweiten Bauabschnitt eine neue Orgel anzuschaffen.

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Letzte Änderung am Sonntag, 29. Mai 2011